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Berkenhoff nach mageren Jahren wieder auf Draht

Heuchelheim/Herborn (rüg). »Wir haben gute Gründe, wieder optimistisch zu sein«, erklärte Askan Duhnke, Geschäftsführer des Drahtherstellers Berkenhoff GmbH (Bedra) mit Hauptsitz in Heuchelheim-Kinzenbach. Der Optimismus basiert auf den Zahlen des ersten Halbjahrs 2010, die nach einer jahrelangen Durststrecke bei Unternehmensführung und Mitarbeitern für Freude sorgen.


Gegenüber dem Vorjahr verzeichnet Berkenhoff eine Umsatzsteigerung um 29,5 Prozent auf 42,6 Millionen Euro. Diese Bilanz präsentierten Duhnke und Thomas Kresse, Vorstandssprecher des Sanierungsexperten Nexpert AG, im Rahmen eines Pressegesprächs am Donnerstag am Standort Herborn-Merkenbach.

2009 sei ein Jahr der großen Herausforderungen für Berkenhoff gewesen, nachdem sich die Situation des angeschlagenen Unternehmens durch die Weltwirtschaftskrise zusätzlich verschärft hatte. Doch mittlerweile könne man endlich wieder über positive Nachrichten berichten, sagte Duhnke. Der Sanierungsplan habe zunächst über 70 Entlassungen vorgesehen, letztlich aber habe es »nur« 60 betriebsbedingte Kündigungen gegeben. Und mittlerweile gehe man sogar dazu über, frühere Mitarbeiter wieder einzustellen. Das positive Ergebnis spiegele sich auch in Investitionen wider, unter anderem zwei Millionen Euro in Produktionsabläufe. Auch acht neue Ausbildungsplätze werden angeboten.

Möglich machte dies eine nicht geplante aber für die Unternehmensverantwortlichen sehr erfreuliche Entwicklung beim Umsatz: Nachdem die wichtigsten in 2009 eingeleiteten Sanierungsmaßnahmen greifen, wurde in den ersten sechs Monaten des Geschäftsjahres 2009/2010 (Oktober 2009 bis März 2010) wieder ein operativer Gewinn von 1,7 Millionen Euro verbucht. Im Vorjahr verzeichnete der Drahthersteller noch einen Verlust von 6,1 Millionen Euro.

In allen drei Geschäftsbereichen seien die geplanten Absatzzahlen deutlich übertroffen worden, im ersten Halbjahr um 15 Prozent und alleine im März 2010 um 19,3 Prozent. Die Auftragslage im März sei gegenüber der Planung um fast 22 Prozent besser gewesen. Angesichts der positiven Ergebnisse des ersten Halbjahres hat die Unternehmensleitung die Prognose für das Gesamtjahr angehoben. Sie rechnet nun mit einem Umsatz von 84,5 Millionen Euro (Vorjahr: 60 Millionen).

»Wir haben die Produktion und Produktqualität verbessert, unsere Investitionen erhöht und sind dabei, neue Märkte zu erschließen. Unsere High-Tech-Präzisionsdrähte sind in der Industrie mehr denn je bekannt und gefragt«, so Duhnke. Berkenhoff sei sozusagen ein »Phönix aus der Asche«.

 

Das Sanierungskonzept erläuterte Thomas Kresse. Die Nexpert AG sei eine Unternehmensberatung, die sich im Falle Berkenhoff für das so genannte »Drivers Seat Modell« entschieden habe. Das bedeutet: Nexpert hat Berkenhoff für einen Euro gekauft und wird die Firma nach einer erfolgreichen Sanierung wieder verkaufen (»und auch den Euro wieder zurückgeben«), wobei der Verkaufspreis jedoch nicht in die Kasse von Nexpert gehe, sondern direkt in die Zurückzahlung der Kredite.

Für ihre Dienstleistung erhalte die Nexpert AG ein festgelegtes Honorar, dass jährlich überprüft werde. Ohne die Voraussetzung des »Driver Seat Modells« wäre es nicht möglich gewesen, vom Land Hessen eine Bürgschaft für die 11 Millionen Euro Bankenkredite zu bekommen.

 

Die Entscheidung des früheren Managements, in China zu investieren, bezeichnete Kresse als strategischen Fehler. Das »Zwei-Millionen-Abenteuer China« habe die neue Unternehmensführung beendet. Man setze darauf, »den besten Draht der Welt in Deutschland herzustellen«. »Kapitalmäßig sind wir jetzt sehr gut aufgestellt, dieses Unternehmen wirft so schnell nichts mehr um«, meinte der Nexpert-Sprecher. »Damit haben wir unsere Hausaufgaben auf allen Gebieten gemacht und das Unternehmen vor Heuschrecken in Sicherheit gebracht.«

Kresse wies in diesem Zusammenhang aber auch darauf hin, dass dieser Erfolg ohne die Unterstützung der Politik, die konstruktive Mitarbeit der Betriebsräte und der IG Metall und den Mut der beteiligten Banken nicht möglich gewesen wäre, da dieses Sanierungsmodell in Deutschland immer noch einzigartig sei. Durch die mittlerweile stabile Kapitalausstattung seien auch wieder Investitionen möglich.

Als »schwierig und langwierig« bezeichnete der Kinzenbacher Betriebsratsvorsitzende Steffen Heinrich die Verhandlungen mit dem neuen Management. Positiv aber seien die mittlerweile wieder vollen Auftragsbücher und die Neueinstellungen. In Kinzenbach habe man sogar die Arbeitszeiten ausweiten müssen. Hoch anzurechnen sei der Beitrag der Mitarbeiter, die Abstriche beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld hinnehmen mussten.

Großes Lob für den Sanierungsweg zollten auch Lahn-Dill-Landrat Wolfgang Schuster (SPD), CDU-MdL Clemes Reif, der Herborner Bürgermeister Hans Benner und IG-Metall-Bevollmächtigter Hans-Peter Wieth (Herborn), der jedoch auch von einer für die Arbeitnehmer schmerzhaften Lösung sprach. Erfreulich sei allerdings, dass der Personalabbau geringer ausfalle als zunächst geplant.


In drei Jahren soll die Berkenhoff GmbH dann wieder endgültig im sicheren Fahrwasser sein. »Wenn Sie uns dann immer noch hier sehen, haben wir was falsch gemacht«, unterstrich Kresse die Ambitionen der Sanierer.

 

© Gießener Allgemeine Zeitung 2010 - www.giessener-allgemeine.de